Sark: die Dunkelinsel
Wer Sark einmal betreten hat, wird vor allem eines vermissen, wenn er wieder zuhause ist: die Dunkelheit. Echte Dunkelheit, ohne Laternen, ohne Leuchtreklame, ohne das ferne orange Glühen einer Stadt am Horizont. Sark – offiziell ein eigenständiges Lehen der britischen Krone, kleiner als die meisten Stadtparks europäischer Hauptstädte – ist die Insel, auf der die Zeit nicht stehengeblieben ist, sondern sich einfach entschieden hat, woanders schneller zu vergehen.
Lage, Landschaft, Leben
Sark liegt zwischen Guernsey und Jersey, misst gerade einmal 5,5 Quadratkilometer und beherbergt – je nach Saison – zwischen vierhundert und sechshundert Menschen. Seit 1948 ist die Insel autofrei. Wer sich fortbewegen will, tut dies zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der Pferdekutsche, und wer dringend medizinische Hilfe braucht, wird mit einem Traktor transportiert – dem einzigen motorisierten Fahrzeug, das die Insel sich offiziell gönnt. Die Hauptstraße, schlicht „The Avenue“ genannt, ist ein Schotterweg, gesäumt von bunten Häusern, Fahrrädern und – man höre und staune – Palmen, die dem Golfstrom ihre Existenz verdanken und dem Nordatlantikwind ihre schiefe Haltung.
Verbunden sind die beiden Hälften der Insel, Great Sark und Little Sark, durch La Coupée: einen schmalen, windgepeitschten Isthmus, acht bis zehn Meter breit, hundert Meter über dem Meer auf beiden Seiten. Schulkinder krochen hier einst auf allen Vieren, bevor 1900 endlich ein Geländer gebaut wurde. Wer einmal hinübergegangen ist, weiß, warum.
Schule, oder: Was mit dreizehn endet
Sark School unterrichtet Kinder ab dem dritten oder vierten Lebensjahr – aber nur bis dreizehn. Seit 2019 gibt es auf der Insel keine weiterführende Bildung mehr. Wer die GCSE-Jahre erreicht, hat drei Möglichkeiten: eine Gastfamilie in Guernsey, ein Internat in Großbritannien, oder Unterricht von zuhause aus. Die Insel selbst prüft inzwischen sogar Online-Schulmodelle, weil sich zunehmend zu wenige Gastfamilien finden lassen.
Wer sich beim Lesen gefragt hat, warum eine der Figuren dieses Buches mit sechzehn noch auf der Insel lebt, statt bei Gasteltern in Guernsey: Die Antwort liegt nicht in der Handlung. Sie liegt im Kontoauszug der Familie. Manche Dinge auf Sark sind eine Frage der Insel-Regeln – andere schlicht eine Frage des Geldes, wie überall sonst auch.
Historische Tiefenschichten
Sark war bis 2008 der letzte Feudalstaat Europas – mit eigenem Seigneur, eigenem Parlament (Chief Pleas) und einem Wahlrecht, das jahrhundertelang an Landbesitz gebunden war. Erst auf Druck aus Brüssel und durch den jahrzehntelangen, hartnäckigen Rechtsstreit zweier sehr vermögender Brüder, die auf der Nachbarinsel Brecqhou residierten, wurde die Insel demokratisiert. Eine Pointe der Geschichte: Die Demokratie kam auf Bestellung von Milliardären.
Noch pikanter wird es beim sogenannten „Sark Lark“ der Neunzigerjahre: Bei knapp sechshundert Einwohnern existierten zeitweise über fünfzehntausend registrierte Firmen auf der Insel – ein einziger Mann fungierte als Direktor von rund dreitausend davon. Briefkastenfirmen, Nominee Directors, Konstruktionen ohne erkennbaren Zweck außer dem einen. Eine dieser Sark-Firmen soll sogar in den berüchtigten Oil-for-Food-Skandal um Saddam Hussein verwickelt gewesen sein. Die Behörden zogen 1999 die Reißleine – seitdem ist es diskreter geworden auf Sark. Diskreter, nicht unbedingt weniger.
Verwaltungstechnisch gehört Sark übrigens zur Bailiwick of Guernsey, nicht zu der von Jersey – ein Unterschied, den Insulaner sehr genau nehmen und Touristen fast nie.
Skurriles & Sportliches
Wer auf Sark Urlaub macht, sollte mit Schafen rechnen, die in Plüsch-Hasen-Kostümen Wettrennen veranstalten (die „Sark Sheep Races“), mit einem Rasenmäher-Rennen den Harbour Hill hinunter, und mit einer jährlichen Haustierschau, bei der Preise wie „Most Unsocial Pet“ und „Waggiest Tail“ vergeben werden. Für letzteren Preis, das nur nebenbei, wäre ein gewisser schwarz-weißer Border Collie ein ernstzunehmender Anwärter.
Währung, Sprache, Weltsicht
Offiziell gilt das britische Pfund, gezahlt wird mit Scheinen, die teilweise älter aussehen als mancher Tourist. Strom kam erst in den 1980er-Jahren flächendeckend auf die Insel, und das Mobilfunknetz behandelt jede Verbindung noch heute als persönliche Gunst. Was Sark dafür im Überfluss hat: Sterne. 2011 wurde die Insel zum ersten „Dark Sky Island“ der Welt erklärt – ein Status, der so ernst genommen wird, dass es schlicht keine Straßenbeleuchtung gibt. Die irische Sängerin Enya hat der Insel mit ihrem Album „Dark Sky Island“ ein musikalisches Denkmal gesetzt – ein Bezug, der bei aufmerksamen Lesern dieser Reihe nicht ganz zufällig anmuten dürfte.
Warum Sark?
Der Autor stieß bei der Recherche zu den vorigen Bänden immer wieder auf Randnotizen über diese kleine Insel – ein Satz hier, eine Anekdote dort, ein Steuerparadies, das gleichzeitig der dunkelste Ort Europas ist. Der Widerspruch ließ ihn nicht los: eine Insel, die alles verbirgt, und eine Insel, auf der man nachts nichts verbergen kann, weil es schlicht zu dunkel ist, um etwas zu sehen – außer den Sternen. Genau dieser Widerspruch ist der Boden, auf dem dieser Band gewachsen ist.
Ein Ort für Geschichten
Sark ist, wie schon Jersey, keine bloße Kulisse. Es ist eine Insel, die ihre eigenen Regeln hat, ihre eigene Dunkelheit, ihre eigene Art von Gerechtigkeit – langsam, manchmal zu langsam, aber nicht aufzuhalten, sobald sie sich erst in Bewegung gesetzt hat. Und ja: Auf Sark gibt es Katzen. Sehr viele. Manche von ihnen tragen Halsbänder. Eine von ihnen trug einmal mehr als das.
Und zum Schluss…
Kurioser Zufall am Rande: Der amtierende Seigneur von Sark heißt tatsächlich Beaumont. Mit dem Constable dieser Reihe hat das nichts zu tun – aber manchmal schreibt die Insel ihre eigenen kleinen Pointen, ganz ohne Zutun des Autors.
Sollten Sie einmal auf Sark sein und nachts den Sternenhimmel betrachten, achten Sie auf die Mauern. Sitzt dort etwas Graues mit Streifen, das Sie ohne zu blinzeln ansieht – das ist Lady Whiskers. Sie hat alles gesehen. Sie sagt es nur niemandem.


